Auszeit in Kappeln: Flutopfer erholen sich im Urlaub an der Schlei

Zeitungsartikel aus dem Schleiboten vom 19.03.2022

Sie haben Schlimmes erlebt und vieles verloren: Nach der Flutkatastrophe, die Mitte 2021 über das Ahrtal hereinbrach, nahmen Betroffene das kostenlose Angebot an und zogen für zwei erholsame Wochen an die Schlei. 

Marlene Otte ist gut drauf. Die 78-Jährige versprüht Lebensfreude, eine Art Erleichterung ist zu spüren. Darauf angesprochen sagt sie: „Ja, inzwischen wieder.“ Marlene Otte ist gerade mit drei weiteren Gästen in Kappeln angekommen. Sie alle leben im Ahrtal und haben eine schwere Zeit hinter sich, denn sie haben durch die Flutkatastrophe im Juli des vergangenen Jahres vieles verloren – Materielles und Liebgewonnenes, ihr Heim und auch Menschen.

Fluthelfer Olaf Zimmermann kommt eigentlich aus Scheggerott. Er war insgesamt mehr als fünfeinhalb Monate freiwillig in den Flutgebieten, um zu helfen. Im September 2021 hatte er sich an den Kappelner Touristikverein gewandt, weil er die Idee hatte, Menschen, die in den Fluten alles verloren hatten, eine Auszeit zu ermöglichen. Einige Vermieter hatten auf Anfrage des Touristikvereins kostenlos ihre Ferienwohnungen zur Verfügung gestellt. Für insgesamt 15 Familien, Paare und Alleinreisende konnte so eine Auszeit an der Schlei verwirklicht werden.

Elf Mitglieder des Touristikvereins, darunter auch Ingwer Hansen und Anja Fuge aus dem Vorstand, boten Unterkünfte an. „Und es haben sich auch Externe und Privatleute gemeldet, die diese Idee unterstützen wollten. Eine Frau aus Eckernförde hat sogar eine Ferienwohnung dafür angemietet“, berichtet Christine Külpmann vom Touristikverein. Dennoch dauerte es etwas, bis das Angebot auch angenommen wurde.

Olaf Zimmermann, der Aushänge im Ahrtal gemacht und das Angebot vielfach bei Facebook gepostet hatte, erklärt, dass viele der Betroffenen ihre offenen Häuser zuerst nicht verlassen und auf Helfer und Handwerker warten wollten. Außerdem waren Plünderer und Schrotthändler aus ganz Deutschland in der Region angekommen. Er sagt: „Wie viele Abzocker da unterwegs sind, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Den Sinnspruch „Wo Elend ist, kommt Elend bei" hätte er im Ahrtal kennen und verstehen gelernt.

„Mein Haus hatte keine Kellertür mehr. Da gehst du doch nicht weg“, sagt auch Marlene Otte. „Ich selbst war nur leicht betroffen“, erklärt sie. Klar, der Keller und die Garage seien zerstört und eben alles, was man darin so aufbewahrt hatte, die Elektrik ist defekt, die Waschmaschine, der Trockner kaputt.

„Ich habe meinen Bruder und meine Schwägerin bei mir aufgenommen. Sie haben ihre Tochter verloren“, sagt Otte. 40 ihrer Bekannten aus Ahrweiler seien gestorben, 134 insgesamt. Menschen, die noch schnell etwas aus Kellern oder Tiefgaragen holen wollten und die es nicht mehr rausgeschafft haben, bevor die Welle kam. Im Vergleich zu all dem, was um sie rum passiert ist, bleibt Marlene Otte dabei: „Ich war nur leicht betroffen!“

Die alleinstehende Frau ist zusammen mit ihrer Schulfreundin angereist. Gerlinde Schneider (78) lebt im ersten Stock und ist mehr oder weniger mit nassen Füßen davon gekommen. Die drei Wohnungen unter ihrer sind allerdings durch das Wasser komplett verwüstet – und natürlich auch hier: der Keller. Aber Gerlinde Schneider hat eine alte Dame bei sich in der Wohnung aufgenommen, obwohl sie sich fremd waren und zunächst auch ohne Wasser und Strom zurechtkommen mussten. Und: Sie hat eine ihrer Schwestern in den Fluten verloren. „Es ging alles so schnell“, sagt sie.

Fast wäre die gemeinsame Reise an die Schlei doch noch gescheitert, denn die beiden Damen wussten nicht genau, wie sie anreisen sollten. Aber auch da wurde in Zusammenarbeit mit ihren Gastgebern Ursula und Detlef Manke eine Lösung gefunden. Es wurde eine Fahrgemeinschaft gebildet mit Christel und Norbert Zavelberg, die zur gleichen Zeit in der „Meerestochter“ einquartiert werden konnten.

Zavelbergs wohnen in Altenburg. „Eigentlich gar nicht so nah an der Ahr. Bei dem letzten Hochwasser 2016 ist das Wasser gar nicht bis zu uns gekommen. Aber jetzt? Bis unters Dach. In diesem Maße hätten wir da nie mit gerechnet“, sagt Christel Zavelberg und schüttelt ungläubig den Kopf. „Ich habe ein ganzes Haus vorbeischwimmen sehen.“

Das Paar lebt seitdem in der Ferienwohnung von Bekannten. Zum Glück müsse ihr Haus nicht abgerissen werden, wie das vieler anderer. „Wir haben keinen Ölgeruch im Haus. Es ist jetzt komplett entkernt, wir können wieder aufbauen“, sagt Norbert Zavelberg und hat dabei einen Wunsch: Weihnachten 2022 zurück im eigenen Haus sein.

Familie Manke hat die Gäste in Empfang genommen. Sie wohnen in erster Reihe mit bestem Blick auf die Schlei, und beim ersten Eindruck sind sich alle vier einig: „Total schön!“ Und Marlene Otte bringt die Stimmung deutlich auf den Punkt: Bei allem, was passiert sei, gebe es auch Grund, dankbar zu sein – für all die freiwilligen Helfer und die Menschen, die geklingelt haben, um zu entschlammen und aufzuräumen, um Kuchen und aufmunternde Pakete zu bringen oder zu beten.

„Die Politik hat uns im Stich gelassen, und ohne die fleißigen Helfer, wie Olaf, säßen wir alle immer noch im Dreck. Am Ende habe ich mehr über diese vielen lieben Menschen und die rührenden Geschichten geheult“, sagt sie. „Da sind zwischenmenschlich so viele Sachen passiert, die einem echt ans Herz gehen.“

(v.li) Marlene Otte, Christel und Norbert Zavelberg, Gerlinde Schneider. Foto: Doris Smit

Gemeinschaftsaktion Urlaub an der Schlei: (v.li) Gast Norbert Zavelberg, Detlef Manke, Christel Zavelberg, Ingwer Hansen, Christine Külpmann, Gerlinde Schneider, Olaf Zimmermann, Marlene Otte und Ursula Manke vor dem Appartmenthaus Meerestochter am Nordhafen. Foto: Doris Smit